Top Info März Woche 12

«2020, ein verlorenes Jahr»

Die Ausweitung des Coronavirus trifft den Schweizer Reiseanbieter Hotelplan hart. Zwar kann Thomas Stirnimann, CEO Hotelplan Group, den Schaden noch nicht beziffern, im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» (Gesamtausgabe) sagt er aber: «Die Folgen der Corona-Krise haben ein noch nie dagewesenes Ausmass erreicht.» Weiter sagt er: «Schon jetzt ist klar: 2020 geht als verlorenes Jahr in unsere Geschichtsbücher ein, auch wenn die Krise hoffentlich bald vorbeigeht. Schwarze Zahlen sind praktisch ausgeschlossen.» Reisen werden derzeit reihenweise annulliert – alleine vom US-Einreisestopp für Europa sind über 1000 Hotelplan-Kunden betroffen –, neue nicht mehr gebucht: Der Umsatz ist negativ.

Die Situation ist dermassen angespannt, dass Hotelplan auch Kurzarbeit ins Auge fasst. «Momentan haben wir noch sehr viel Arbeit mit all den Umbuchungen, aber irgendwann werden die Telefone weniger läuten. Dann kommt die kritische Phase», sagt Stirnimann. Grundsätzlich Angst um die Zukunft von Hotelplan hat Stirnimann nicht: «Wir haben Reserven und vor allem einen gesunden Aktionär, die Migros.» Der Detailhändler verfügt über einen so genannten Cash-Pool. In den zahlt Hotelplan zu dieser Jahreszeit normalerweise Geld ein. «Nun müssen wir ausnahmsweise beziehen. Und wir sparen bei den Kosten so gut es geht. Wir bauen zum Beispiel Überzeit und Ferientage ab», sagt Stirnimann.

Der CEO von Hotelplan Group glaubt, dass die Krise Folgen auf das Reiseverhalten der Leute haben wird: «Ich kann mir vorstellen, dass der Trend eher in Richtung Ferien im kleinen Kreis geht, dass man die grossen Menschenaufläufe eher meiden wird.»

Bund pfeift Skigebiete zurück

Im Skigebiet Lenzerheide-Arosa herrscht dicke Luft. «Es ist ein Affront, dass wir den Laden schliessen müssen, während andere offen bleiben», sagt Peter Engler, der Chef der Bergbahnen in der «NZZ am Sonntag». Er habe für die Entscheidung des Bundesrates zur Eindämmung des Virus’ zwar Verständnis, denn die Gesundheit der Bevölkerung gehe vor. Aber wenn gleichzeitig andere Betriebe im Berner Oberland oder in der Zentralschweiz weitermachten, frage er sich, wo die Gleichbehandlung bleibe. «Das ist eine Schweinerei», ärgert sich Engler.

Zu jenen, die den Betrieb am Samstag noch nicht eingestellt hatten, gehörte Norbert Patt, der Chef der Titlis-Bergbahnen. Allerdings nicht sehr lange. Am Samstag Nachmittag intervenierte das Bundesamt für Gesundheit und forderte Skigebiete, die noch immer geöffnet hatten, auf, den Betrieb «umgehend einzustellen», wie es in einem Communiqué heisst. «Das ist faktisch ein Betriebsverbot», sagt Patt. «Wir haben rund 450 Mitarbeiter und ab heute Sonntag haben diese nichts mehr zu tun.»

Swiss lockert Regeln für Umbuchungen und Stornierungen

Bei den Airlines sind in diesen Tagen Streichkonzerte angesagt. Die Lufthansa plant gemäss neuesten Angaben, das Flugprogramm gruppenweit um 70 Prozent gegenüber den alten Plänen für den Sommer zu reduzieren. Dies sorgt für viel Aufwand bei den Kundendiensten: «Unsere Callcenter arbeiten an ihrer maximal möglichen Kapazität», sagt eine Lufthansa-Mediensprecherin in der «NZZ am Sonntag».

Swiss wie die anderen Lufthansa-Airlines lockern die Regeln für Umbuchen oder Stornierung deutlich. Seit Freitag können Kunden Tickets, die bis am 12. März gekauft worden sind, für Abflüge bis 30. April ohne Zuschlag än­dern. Die neue Regelung gilt für stornierte Flüge und auch solche, die derzeit noch geplant sind. Dabei können sich die Passagiere neu bis zum 1. Juni Zeit lassen, ein neues Datum und allenfalls auch ein neues Ziel zu bestimmen. Für Flüge, die ausfallen, hat der Kunde Anrecht auf Rückzahlung des Ticketpreises.

Selbst Easyjet, grösster Anbieter von Flügen in Basel und Genf, und sonst eher bekannt für seine rigide Regeln, lässt deutlich mehr Flexibilität zu als gewohnt. Kunden können wegen Corona ohne Gebühr auf ein anderes Datum und/oder ein anderes Ziel umbuchen.

Weniger gut fährt, wer seine Reise beziehungsweise seinen Flug über eine Vermittlerplattform wie Ebookers oder Trivago gebucht hat. «Sobald es Komplikationen gibt, sehen sich diese Marktplätze nur noch in der Vermittlerrolle», klagt Sara Stalder, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, in der «NZZ am Sonntag». Sie würden versuchen, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Rechtlich habe man kaum Chancen, dagegen vorzugehen. Der Geschäftssitz liegt im Ausland.

Airlines kämpfen ums Überleben

Laut dem Branchenverband IATA der Airline-Industrie dürfte die Corona-Krise zu einem Umsatzverlust von 113 Milliarden US-Dollar führen. Diese Angaben machte der Verband vor einer Woche. Die Lage wurde seither nicht besser. Im Gegenteil. Wie die «NZZ am Sonntag» schreibt, erlitten Europas Fluggesellschaften laut Eurocontrol, einer zwischenstaatlichen Organisation für den Flugverkehr, Buchungseinbrüche zwischen 40 und 60 Prozent für die Sommermonate – unter Ausklammerung von Italien!

Der Virus-Gau kommt just in der Jahresperiode, die den Unternehmen die meisten Mittel in die Kassen spült. Jetzt sollten die Kunden ihre Ferienflüge für die kommenden Monate buchen und auch bezahlen. Von dem Cash-Polster zehren die Gesellschaften dann durchs Jahr. Jetzt arbeitet die ganze Branche fieberhaft daran, den Abfluss von Geldern in Grenzen zu halten. In der Nacht von Freitag auf Samstag beschloss der Aufsichtsrat der Lufthansa-Gruppe, die ­anstehende Dividendenzahlung für 2019 zu kassieren. «Der Fokus ist die Sicherung der Liquidität», erklärte das Unternehmen.

Um die Kosten so schnell wie möglich runterzufahren, soll ein guter Teil der Flotte stillgelegt werden. Die Swiss gab Freitagabend bekannt, Kurzarbeit für das fliegende Personal zu beantragen. In einer internen Videobotschaft hat der Lufthansa-Gruppenchef Carsten Spohr die Belegschaft auf Einschnitte vorbereitet. Dabei schloss er nicht aus, dass selbst die Airlines der Lufthansa-Gruppe um Staatshilfe werden bitten müssen. Der Konzern verfügt nach eigenen Angaben derzeit immerhin über ein Polster an liquiden Mitteln in der Höhe von 4,3 Milliarden Euro.

Swiss-Chef Thomas Klühr hofft wegen der drastischen Auswirkungen der Corona-Krise auf die Fluggesellschaften auf Staatshilfe. Das sagte er gegenüber dem «SonntagsBlick». «Ich zähle darauf, dass der Bundesrat weiss, was die Schweiz an ihrer Airline hat.»

Kaum eine Fluggesellschaft werde die Corona-Krise ohne staatliche Hilfe überleben, sagte Klühr. Wenn sich die Situation weiter verschärfe, werde die Swiss alle Flugzeuge am Boden lassen müssen und sei dann auf Staatshilfe angewiesen.

Klühr ist dennoch zuversichtlich, dass die Swiss die Corona-Krise überlebt: «Ich bin sicher, dass wir länger aushalten können als andere Airlines.» Es hänge aber auch davon ab, ob die Schweiz die Swiss unterstützen werde. In welcher Höhe die Staatshilfe ausfallen müsste, konnte Klühr noch nicht sagen.

Bundesrat Guy Parmelin hat Kenntnis von der schwierigen Lage der Swiss. Der Zeitung sagte er: "Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), steht seit Beginn in engem Kontakt mit der Swiss und dem Kanton Zürich, um der Swiss und ihren Mitarbeitenden in dieser besonderen Lage rasch und unbürokratisch Unterstützung zu bieten", sagte er. Und: "Falls weitere Massnahmen notwendig sind, werden wir dies mit der Swiss anschauen.»

Easyjet hat laut «NZZ am Sonntag» Budgets gestrichen, Projekte aus Eis gelegt und einen Personalstopp verhängt. Der Chef von Helvetic Airways, Tobias Pogorevc rüstet sich für einen Überlebenskampf: «Wir bereiten uns auf eine Krise in ungekanntem Ausmass vor», wird er in der «NZZ am Sonntag» zitiert. Bereits seien ganze Charterketten für den Sommer annulliert worden.